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Kolonialplaneten treten Reshumanis bei.

Mit der Reshumanis-Allianz ist ein starker Gegner für die Schwarmvölker entstanden. Alle wichtigen Sonnensysteme der Allianz sind inzwischen mit einer quartären (4-Komponenten) Systemverteidigung ausgestattet. Sie sind vor Überraschungsangriffen geschützt, selbst wenn keine großen mobilen Flottenverbände zur Verfügung stehen. Zusätzlich unterhält die Allianz Offensivflotten, die den Krieg in die Chinti-Domäne tragen können.

Die Schwärme wenden sich deshalb mehr "weichen" Zielen zu, Einzelsystemen oder kleinen Machtbereichen. Die Chinti-Domäne expandiert um die innere Sphäre der Menschen herum. Damit trifft sie aber auch immer öfter solare Kolonien, die der Allianz noch nicht angehören. Und natürlich die Sonnensysteme vieler anderer Völker.

Viele Völker sind der Expansion schon zum Opfer gefallen. Auch bei von Menschen besiedelten Sonnensystemen gab es Totalverluste.

Grundsätzlich können sich wohlhabende Systeme so gut befestigen, dass sie normale Angriffe abwehren können. Sonnensysteme haben mehr Ressourcen, Energiequellen und Hitzesenken als Angreifer, die alles über interstellare Entfernungen heranschaffen müssen. Nur wenn Angreifer außerhalb des belagerten Systems eine riesige Infrastruktur aufbauen, um langjährige Saturierungsangriffe durchzuführen, können sie stark befestigte Systeme bezwingen.

Der Aufbau von Befestigungen, die so massiven Angriffen standhalten können, dauert allerdings Jahrzehnte und braucht eine leistungsfähige interplanetare Wirtschaft, die Teratonnen Material in solaren Orbits bewegen kann. Das geht nur auf einem hohen Techlevel, auf der Kardashev-Skala ab 1,1 und mit vielen Milliarden aktiven Sophonten.

So weit sind die meisten in den letzten 500 Jahren von Menschen besiedelten Systeme noch nicht. Sie brauchen Hilfe. Reshumanis, die Allianz der inneren Systeme, kann helfen.

Viele Systeme treten Reshumanis bei. Sie verlieren dabei ihre Unabhängigkeit, denn seit der Finanzreform ist Reshumanis faktisch ein interstellarer Superstaat und nicht mehr eine Allianz souveräner Systeme. Aber das ist im Vergleich zur drohenden Vernichtung durch die Expansion der Insekten das geringere Übel.

Die Bedrohung durch die Schwarmvölker führt die bisher unabhängigen Systeme und Fraktionen der menschlichen Sphäre zusammen.

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Die Nachricht vom Ende der Mansalu erreicht die Erde.

Die Nachricht ist Teil eines der regelmäßigen Mercato-Infopakete, die solare Nachrichtenagenturen abonniert haben. Deshalb wird sie als vertrauenswürdig angesehen. Mercatos geben Nachrichten von Sippe zu Sippe weiter, wenn sich Sippenschiffe im gleichen Sonnensystem befinden. Jedes Schiff nimmt neue Nachrichten auf, lässt dafür ältere entfallen, und sendet beim nächsten Zusammentreffen das ganze Infopaket. Auf diese Weise verbreiten sich Nachrichten immer weiter, bis sie durch Neuere ersetzt werden. Die Verbreitung ist ungerichtet. Sie gleicht einem Diffusionsprozess. Manchmal überbrücken einzelne Nachrichten auf diese Weise tausende von Lichtjahren. Es wurden sogar schon bis zu 30.000 Lichtjahre beobachtet.

Die Daten sind verschlüsselt. Nur Mercatos haben Zugriff darauf. Andere Völker erfahren davon nur, wenn sie Infopakete empfangen dürfen. In manchen Gegenden gibt es einen freiwilligen öffentlichen Infodump. Im Bereich, der das Solsystem einschließt, lassen sich Sippenschiffe die Informationen bezahlen. Einige Nachrichtenagenturen des Solsystems haben Info-Streams abonniert. Im Solsystem ist das so geregelt, dass die Abonnenten die üblichen Tauschgeschäfte von Mercatos mit lokalen Handelspartnern subventionieren. Die Nachrichtenagenturen zahlen in einen Fonds ein, der bei Geschäften der Mercatos einen Teil der Tauschwaren durch lokale Währung ersetzt. Damit kaufen die Mercators effektiv günstiger ein. Das System ist überall verschieden. Trotzdem scheinen auch Sippenschiffe, die noch nie im Solsystem waren, genau zu wissen, wie das Geschäft Information gegen Subvention der Tauschwaren abläuft. Man vermutet, dass Mercatos in allen Sonnensystemen Bojen haben, die sie mit den notwendigen Informationen über die lokalen Verhältnisse versorgen.

Die Datenpakete sind unsortiert und nicht kategorisiert. Es gibt keine Ordnung nach Quelle oder Zeitangaben. Aber das lässt sich alles automatisch auf Kundenseite erzeugen. Mercatos achten peinlich genau darauf, möglichst wenig Informationen über sich selbst preiszugeben. Kategorien wären Informationen, nicht nur zu den kategorisierten Daten, sondern auch über denjenigen, der die Kategorien erstellt hat. Aus dem gleichen Grund sind die Nachrichten in Mercato-Symbolcode und nicht in die lokale Sprache übersetzt. Sie wollen vermeiden, dass man durch statistische Analysen übersetzter Texte Muster erkennt, die Rückschlüsse auf Denkweise oder Kultur der Mercatos zulassen. Koordinatenangaben beziehen sich auf den Ort des Senders und seine Orientierung zur lokalen Sonne. Zeitangaben sind relativ zum Sendezeitpunkt in Vielfachen der Schwingungsdauer der 21-Zentimeter Wasserstoff Linie, einer universellen Konstante. Bei jedem Sendevorgang, zwischen Sippenschiffen und zu anderen Völkern, werden Orte und Zeiten umgerechnet.

Bei den Nachrichtenagenturen filtern Bots durch die riesige Datenmenge. Fast alle Informationen sind an ihrer Quelle öffentlich verfügbar. Die Dienstleistung des Mercato-Infonetzwerks besteht vor allem im Transport, nicht darin, geheime Daten zu beschaffen. Es handelt sich um Nachrichten aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Die meisten Daten sind wertlos. Es sind Details zu Individuen oder Organisationen, oft hunderte Lichtjahre entfernt. Aber manchmal sind nützliche Informationen dabei, wie zum Beispiel Börsenkurse von Gütern bei wichtigen Handelspartnern. Von solchen Nachrichten kann man wirtschaftlich profitieren.

Die Nachricht vom das Ende der Mansalu kommt aus 2500 Lichtjahren Entfernung. Sie ist ein Schock. Das Solsystem ist zwar nicht direkt betroffen, aber Mansalu ist/war gewissermaßen das Ideal einer Super-Zivilisation, die "glänzende Stadt auf dem Hügel". Mansalu ist unsere lokale Super-Zivilisation und man kann sich nicht vorstellen, dass sie einfach enden kann. Die Nachricht ist sehr kurz. Es ist eine der kürzesten, die es je gegeben hat. Sie lautet etwa: "Mansalu ist weg". Es gibt keine Details zu den Umständen. Nur die Tatsache, dass das Volk der Mansalu oder ihre Zivilisation nicht mehr da ist. Und da es sich um einen Mercato-Infodump handelt, glaubt man im Solsystem, dass es auch so stimmt, wie angegeben. Manche Kommentatoren geben zu bedenken, dass die Formulierung auch andere Möglichkeiten offenlässt. Das Ende der Mansalu Herrschaft muss nicht gleichzeitig das Ende des Volkes oder des Machtbereichs bedeuten. Aber spektakuläre Interpretationen dominieren die öffentliche Meinung. Die Nachricht ist für einige Tage das beherrschende Thema im ganzen Solsystem.

Alle Informationen, die den Menschen verfügbar sind, werden noch einmal zusammengetragen. Der erste Kontakt war vor über 600 Jahren, in der frühen Zeit der interstellaren Forschung. Eine private Expedition machte sich auf die Suche nach dem, in vielen Quellen erwähnten, Mansalu-Komplex. Damals konnte solare Technik nur Raumschiffe mit zehnfacher Lichtgeschwindigkeit herstellen. So wäre der Mansalu-Komplex eigentlich unerreichbar gewesen. Aber in der Folge der massiven technischen Hilfe durch Kisor standen auch moderne kisorische Triebwerke zur Verfügung. Solche Triebwerke wurden in Schiffe aus solarer Produktion eingebaut. Trotzdem war die Expedition mehr als ein Jahr unterwegs.

Die Expedition findet den Mansalu-Komplex. Es ist ein erschlossener Raum von 10.000 Kubik-Lichtjahren. Der Komplex umfasst mehrere Sonnensysteme und unzählige Strukturen im Leerraum dazwischen. Er hat eine riesige Bevölkerung, 1000-mal größer als die des damaligen Solsystems, das sich selbst schon für hochentwickelt hält, mit zig-Milliarden Menschen auf der Erde und einer halben Milliarde interplanetar. Aber der Mansalu-Komplex ist viel größer, gewaltiger und phantastischer. Alle angeschlossenen Sonnensysteme und Zentren im interstellaren Raum sind voll vernetzt mit Info-Relaistrecken und Expressstrecken für physischen Transport. Der ganze Komplex wirkt integriert wie eine der irdischen Megacitys, mit Reisezeiten von wenigen Stunden über interstellare Distanzen und fast ohne Zeitverlust innerhalb von Sonnensystemen. Der Techlevel ist deutlich höher, sowohl in den physischen Technologien als auch informationstechnisch. Mansalu liegt auf der Kardashev-Skala über 1,7. Energie und Ressourcen sind quasi unbeschränkt verfügbar. Die Zivilisation ist im Wesentlichen eine sogenannte mangelfreie (post-scarcity) Gesellschaft. Mansalu hat kein Reich oder Imperium, nur eine wenige hundert Lichtjahre großen Region in der die Nähe zu einer solchen Superzivilisation auf andere Völker friedensfördernd wirkt.

Später gibt es viele Expeditionen und Forschungsaufenthalte von Menschen. Auch wohlhabende Touristen besuchen Mansalu. Aber selbst mit den modernsten Triebwerken dauert die Reise 6 Monate. Das ist kein Reiseziel für den Massentourismus. Wissenschaftler dürfen die überwältigende Informationsfülle des öffentlichen Netzes (MaNet, Bezeichnung geprägt durch die erste Expedition) studieren. Sie stellen Fragen und ein Avatar von MaNet antwortet. Für Menschen des Solsystems nimmt das Avatar – wenig subtil – die Gestalt des französischen Malers Édouard Manet an. Interessiert sich eine Historikerin für einen bestimmten Zeitraum, dann stellt MaNet eine Dokumentation gewünschter Länge zusammen. Das Wichtigste zur 20.000-jährigen Geschichte Kisors in drei Minuten? Kein Problem. Die Dokumentationen werden automatisch erzeugt und in Geschwindigkeit, Informationsgehalt und Präsentationsart an das Publikum angepasst. Die Mansalu haben eine offene Informationspolitik. Trotzdem erfährt man immer nur ein bisschen mehr, als man schon weiß. Das ist auch bei Technologie so. Antworten werden immer auf den nächsten Entwicklungsschritt beschränkt. Sie gehen nur so weit, wie man mit einigem Forschungsaufwand selbst gekommen wäre. So verhindert MaNet, dass die Entwicklung anderer Völker gestört wird.

Es gibt phantastische Bauwerke in Sonnensystemen, im Leerraum, in Simulationen, als Kunst und als physisch nutzbare Einrichtung. Charakteristisch für Mansalu ist die Dynamik. Alles ist ständig im Wandel, im Kleinen wie im Großen. Nicht nur Cave-Fog, Nanokomplexe und Feldschirme wie bei uns, sondern alle Strukturen können sich verwandeln, bis hin zu riesigen Habitaten. Das spricht für eine wesentlich weiter entwickelte Nanotechnologie. Viele Mansalu leben in traditionellen Orbitalen, aber ein großer Teil auch in Habitaten aus Formfeldern, anscheinend eine Kombination von Nanitenmatrix und Feldschirmen. Während wir immer noch Strukturelemente massiv aus Meta-Legierungen und nanostrukturierten Materialien bauen, ist bei Mansalu fast alles aus einer dynamischem Nanomatrix und oder gleich aus Formfeldern.

Und das alles soll jetzt plötzlich vorbei sein. Die Nachricht gibt leider keine Details. Wer kann man so ein gigantisches Gebilde zerstören? Wurde Mansalu von innen heraus zerstört, vielleicht durch eine biologische Seuche, eine Nanoplage, einen Infovirus. Oder doch erobert? Aber wer ist mächtiger als eine Kardashev 1,7 Zivilisation? Man nimmt allgemein an, dass es noch weiterentwickelte Zivilisationen gibt. Zum Beispiel die Contour, die einst Cobol besuchten. Oder die unbekannten Retter der Bevölkerung von Begun. Sogenannte Elder-Zivilisationen, noch ältere, vielleicht weisere, jedenfalls weiterentwickelte Wesen und ihre unbegreiflichen Mittel. Solche Zivilisationen treten sehr selten in Erscheinung. Sie scheinen sich nicht einzumischen. Man fragt sich warum sie sich gegen Mansalu wenden sollten. Aber man weiß einfach zu wenig. 2.500 Lichtjahre sind eben weit.

Einige Expeditionen machen sich auf den Weg um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Alle werden abgewiesen. Bei Annäherung an die Sonnensysteme des Komplexes destabilisieren die Konverter der Raumkrümmer. Der Lévy-Effekt bricht zusammen. Die Verschiebung der Raumzeit-Blase ist nicht möglich. Bei denen, die es doch versuchen, erscheinen Nanokomplexe. Sie diffundieren durch die Schiffshüllen, manifestieren sich im Inneren und kommunizieren unmissverständlich, dass der Mansalu-Komplex gesperrt ist.

So bleibt das einige Jahrzehnte.

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