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Das Auftauchen eines Hro sorgt für Unruhe unter den galaktischen Händlern.

Das ist wahrscheinlich der erste Irun-Anwärter seit mehreren hundert Jahren, zumindest in unserem Sektor. Später, bei der Erwachsenenweihe des Hro, kommt es aber nicht zur Ausbildung eines Irun. Die Lage beruhigt sich wieder.

Ein Hro ist ein Mercato-Individuum mit herausragender Persönlichkeit. Zur Erwachsenenweihe eines Hro kommen tausende Sippenschiffe. Manche Quellen sprechen von hunderttausend Schiffen. Während der Weihezeremonie werden Mercato-Jugendliche innerhalb weniger Wochen zum Erwachsenen. Körper und Geist werden in einer Art Verpuppung transformiert. Manchmal entsteht dabei ein charismatischer Anführer, genannt Irun, der alle anwesenden Sippen in seinen Bann zieht. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine mentale Beeinflussung der anwesenden Mercatos handelt oder ob der Einfluss eher biochemisch oder psychologisch erklärbar ist. Auch eine mentale Kontrolle wäre letztlich ein elektromagnetischer Effekt. Untersuchungen lassen die Mercatos nicht zu und das Ereignis ist auch viel zu selten.

Eigentlich sind die Mercatos Händler. Der Name wurde sehr treffend geprägt beim ersten Kontakt im Solsystem. Sie sind in einzelnen Sippenschiffen unterwegs und betreiben interstellaren Handel zwischen vielen Völkern. Jedes Schiff beherbergt eine Familie oder eine Gruppe von Familien.

Mercatos gibt es schon seit Millionen Jahren und vermutlich sind sie in einem Großteil der Galaxie vertreten. Trotzdem haben ihre Schiffe sehr verschiedene Techlevel. Die Technik scheint eng verbunden mit der Kultur der Sippe. Sippen mit niedrigem Techlevel hätten viele Gelegenheiten für Upgrades. Das scheint aber nicht wichtig zu sein. Man hat schon langsame Raumkrümmer auf dem technischen Niveau der ersten solaren Generation gesehen, die für interstellare Distanzen Jahre brauchen. Aber es gibt auch Sippenschiffe mit effektiven Geschwindigkeiten, die wir nicht erreichen können. Gerüchten zufolge ist ein Sippenschiff sogar zur gleichen Zeit an mehreren Orten aufgetaucht. Leider handeln Mercatos nicht mit ihrer eigenen Technik, sondern nur mit Produkten und Informationen anderer Völker.

Die jungen Mercatos lernen in einer 30-jährigen Ausbildung alles was ein Mercato-Händler wissen muss. Sie lernen Sprachen und andere Ausdrucksweisen bis sie ohne Übersetzer kommunizieren können. Dabei verzichten sie auf elektronische Hilfsmittel wie Erinnerungsimplantate und Assoziationsbooster. An die Händler-Ausbildung schließt sich nach der Erwachsenenweihe eine 80-jährige Ausbildung zum Meisterhändler an. Meisterhändler spezialisieren sich auf einzelne Völker, auf die spezifischen Kulturen der Handelspartner, auf einzelne Organisationen und sogar auf Personen. Das wird natürlich dadurch begünstigt, dass Sophonten in vielen Hochkulturen sehr lange leben und sich immer wieder begegnen. Meisterhändler benutzen aktiv und passiv unterbewusste Regungen der Gesprächspartner. Sie führen Verhandlungen akzentfrei mit angenehmen überzeugenden Stimmen, die nicht vom Übersetzer stammen und sie beherrschen Memetik auf höchstem Niveau. In dieser Beziehung befinden sie sich bei vielen Völkern auf Augenhöhe mit ihren besten Verhandlungspartnern. All diese Techniken lernen sie in ihrer langen Ausbildung.

Mercatos haben Zeit. Sie handeln nur um ihr Schiff im Betrieb zu halten. Manchmal kann man bei Mercatos günstig einkaufen, weil sie nicht nach Reichtum streben, sondern nur für den Unterhalt handeln. Auf der anderen Seite stehen sie oft weniger unter dem Zwang zum Abschluss als ihre Handelspartner und sind dadurch im Vorteil. Mercatos führen das gleiche Leben wie ihre Vorfahren und sie streben keine Änderung an. Sie warten auf die Ankunft eines Irun. Die meisten Mercatos erleben irgendwann einmal die Erwachsenenweihe eines Hro. Aber nur wenigen Generationen ist es vergönnt, einen Irun zu erleben. Es ist die sogenannte "gesegnete" Generation, die dem Irun folgen darf. Mit der Ankunft des Irun endet ein Zyklus und die galaktischen Händler gehen ihrer Bestimmung entgegen.

Der Irun sammelt alle Sippen im Umkreis von mehreren tausend Lichtjahren um sich. Dann führt er sie zu einer gemeinsamen Aufgabe. Aus Sicht der anderen Völker werden die Mercatos verrückt. Sie geben ihre normale Handelsaktivität abrupt auf und verfolgen den Plan des Irun. Mit dem Tod des Irun kehren sie dann wieder zum Handel in einzelnen Sippenschiffen zurück. Irun-Ereignisse sind so selten, dass man keine Regelmäßigkeiten erkennen kann. Im lokalen Sektor, den umliegenden 3.000 Lichtjahren, sind in den letzten 10.000 Jahren nur drei Irun-Ereignisse bekannt. Es gibt Hinweise auf einige weitere. Aber deren Quellen sind nicht nachprüfbar und die Beschreibungen sind nicht eindeutig.

Sicher belegt ist die 700-jährige Irun-Phase zwischen dem solemischen Reich und dem Tren-Vuk-Sol-Interregnum vor 7.400 bis 6.700 Jahren. Damals gründeten Mercatos ein Imperium und verdrängten die lokalen Mächte mit militärischen Mitteln. Sie ließen keine anderen Militärmächte zu und unterbanden jede militärische Forschung bei den Völkern in ihrem Einflussbereich.

Der zweite bekannte Fall war nach kisorischen Aufzeichnungen um das Jahr 2.000 unserer Zeitrechnung (uZ.) als alle Mercatos plötzlich aus dem interianischen Imperium (und möglicherweise darüber hinaus) verschwanden. Unser – und damit Kisors – Teil des Imperiums stütze sich vorher sehr stark auf den Mercato-Handel. Das Verschwinden führte zum sogenannten achten interianischen Wirtschaftsminimum im Zeitalter von Addaja. Kisors Oligarchie füllte damals die entstandene Lücke und die Handelsorganisationen der herrschenden Familien wurden zu den ersten Handelsgilden.

Der dritte belegte Irun-Fall ist besonders spektakulär. Er zeigt wie lange Mercatos schon präsent sind und wie verschieden die Irun-Ereignisse ausfallen können. Im Jahr 2681 entdeckte eine der frühen solaren Expeditionen, die sogenannte Buniatishvili-Exkursion, eine uralte Roboterzivilisation auf Solberg 86 III. Die Roboter bewahren das historische Erbe ihrer Erbauer und geben bereitwillig Auskunft über die Geschichte des Systems in den letzten 30 Millionen Jahren. Fast alle Völker haben während ihrer Entwicklung mit KI-Ausbrüchen zu kämpfen und empfinden eine reine Mech-Zivilisation als Bedrohung. Deshalb mussten die Roboter von Solberg 86 im Lauf der Zeit viele Angriffe abwehren. Darunter war auch eine Mercato-Flotte. Vor 12 Millionen Jahren, nach solarer Zeitrechnung am 8. Juli, des Jahres -12.063.275, fiel eine riesige Flotte von Mercato-Sippenschiffen in das Solberg 86 System ein. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen, Sensordaten und Videos von den Ereignissen. Die Roboter von Solberg 86 geben an, dass insgesamt 783.750 (+/- 20) Sippenschiffe anhand ihrer Triebwerkssignatur eindeutig identifiziert wurden. Von den Monden des Systems starteten damals unzählige Robot-Schiffe (in diesem Fall verweigern die Roboter genaue Zahlen) um das System und vor allem den dritten Planeten zu verteidigen. Aufnahmen und zeitsynchronisierte Sensordaten zeigen den mehrwöchigen Kampf im gesamten System. Sie zeigen auch die Ansprache des Irun vor dem letzten verzweifelten Angriff auf den dritten Planeten und das Ende des Mercato-Flaggschiffes. Dann sieht man in den Sensordaten, wie die Nachricht vom Tod des Irun sich unter den Sippenschiffen verbreitet und wie die überlebenden Sippen das System verlassen. Vermutlich kehren sie zu ihrer gewohnten Handelstätigkeit zurück. Die Roboter von Solberg 86 berichten, dass 95.700 (+/- 200) Sippenschiffe das System sofort verließen. 130.259 (+/- 3) blieben manövrierunfähig im System. Sie wurden mithilfe der Roboter im Lauf von einigen Jahren repariert und verließen Solberg 86 dann auch. Übrigens: Teilnehmer der Buniatishvili-Exkursion erzählen, dass die Roboter zwar bereitwillig zu diesem Ereignis Auskunft geben, dabei aber immer wieder auf die Geschichte ihrer Erbauer hinweisen und fast etwas beleidigt wirken, wenn man sich nicht für die Erbauer interessiert.

Es gibt diverse kelanische Legenden mit Irun-Ereignissen. Die Kelaner erzählen von vielen unterschiedlichen Verhaltensweisen. In einem Fall lassen sich Mercatos in einem System nieder. Sie geben den Handel nicht auf, aber sie werden für tausend Jahre sesshaft und operieren von einem Heimatsystem aus. Tatsächlich wird diese Legende später bestätigt durch die Entdeckung eines verlassenen Systems mit eindeutigen Hinweisen auf eine große Mercato-Besiedlung auf Planeten und im interplanetaren Raum.

Andere kelanischen Legenden erzählen von Mercatos, die

- kollektiv ihre Schiffe schon kurz nach der Erwachsenenweihe zerstören,

- sich auf Planeten niederlassen und den Handel einstellen,

- mit Millionen Sippenschiffen die Galaxie verlassen,

- dafür sorgen, dass der Techlevel der anderen Völker sich auf hohem Niveau angleicht,

- plötzlich nur noch Informationen handeln aber keine physischen Waren mehr befördern,

- sich anderen Völkern als Söldner für militärische Aktionen zur Verfügung stellen,

- Schutzzonen errichten, um noch nicht raumfahrende Völker vor externen Kontakten zu schützen und raumfahrende Völker im Frühstadium vor Hightech-Plünderern,

- Mech-Leben, wie Roboter, Naniten und Computronium, bekämpfen,

- im großen Stil Ökoforming betreiben und in vorher unbewohnten Systemen Biosphärenreservate anlegen einschließlich vielversprechender Arten an der Grenze zur bewussten Intelligenz.

Ein Besucher des Mansalu-Komplexes im Jahr 2815 berichtet von einer statistischen Auswertung der Mansalu, die behauptet 900 Mercato-Irun-Ereignisse zu kennen, aus einem Zeitraum von 80.000 und bis in 20.000 Lichtjahre Entfernung. Das ergibt eine statistische Häufigkeit, die sich etwa mit unseren Analysen deckt, die allerdings nur auf drei Ereignissen in 10.000 Jahren beruht. Die Mansalu behaupten, dass Mercatos statistisch

- in einem Drittel der Fälle kriegerisch werden,

- in einem Viertel altruistisch für andere Völker aktiv werden,

- sich in einem weiteren Viertel zurückziehen (wobei man annimmt, dass sie nicht einfach verschwinden, sondern sich einer Aufgabe zuwenden, die außerhalb des Erkenntnishorizonts der beobachtenden Völker liegt).

- Die übrigen 17% verteilen sich auf viele andere exzentrische Verhaltensweisen.

Die Studie lässt sich allerdings später – zur Zeit der Yalung im Mansalu-Komplex – nicht wiederfinden. (Vermutlich, weil die Yalung eine andere Politik verfolgen in Bezug auf die Freigabe von Informationen für weniger entwickelte Völker.)

Exosoziologen erklären das Irun-Phänomen als reinigendes Ereignis in einer sehr statischen Kultur. Es sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Entwicklung regelmäßig zurückgesetzt wird. Durch die drastische Unterbrechung entsteht ein Bruch mit der Tradition der letzten Generationen in denen sich regional Fehlentwicklungen eingeschlichen haben könnten. Für die Stabilität der Mercato-Kultur ist vor allem das Ende der Irun-Phase wichtig, wenn sie zu den Jahrmillionen alten ursprünglichen Verhaltensweisen zurückzukehren und damit automatisch potenzielle Fehlentwicklungen korrigieren.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass auch die anderen Völker langfristig vom Irun-Phänomen profitieren. Ein Irun-Ereignis wirbelt die Machtverhältnisse im betroffenen Sektor oft durcheinander, wie im Fall des Tren-Vuk-Sol-Interregnums. Damals beendeten Mercatos das statische solemische Reich, allerdings um den Preis einer langen chaotischen Phase nach dem Ende des Mercato-Imperiums.

Das achte Addaja-interianische Wirtschaftsminimum nach dem Mercato-Verschwinden um 2000 uZ. war der Wegbereiter für die kisorischen Gilden, die den Sektor auch nach dem interianischen Imperium noch lange stabilisierten. Und glaubt man kelanischen Legenden, dann könnte sogar die Ökoformung Kisor Alphas vor 10 Millionen Jahren und die Ansiedlung der kisorischen Primaten auf die galaktischen Händler zurückzuführen sein.

Der Mercato-Angriff auf Solberg 86 ist ein Hinweis darauf, dass die außerordentliche Wucht eines Irun-Ereignisses gewissermaßen "Altlasten" beseitigen kann, die normale interstellare Mächte sonst nicht bewältigen können. Auch wenn dieser eine Angriff scheiterte, lässt allein die Tatsache, dass er stattfand, vermuten, dass die Mercatos im Lauf der Zeit immer wieder mal "aufräumen". Wahrscheinlich ist es nicht gut, wenn sich immer mehr alte Mech-Zivilisationen in der Milchstraße ansammeln, deren Erbauer längst vergangen sind. Man kann davon ausgehen, dass Mercatos schon viele Mech-Zivilisationen beendet haben. Das wäre eine plausible Erklärung dafür, dass es nur so wenige Mech-Zivilisationen gibt.

Wären die Roboter von Solberg 86 den Mercatos unterlegen, dann wüssten wir nicht davon, weil sie uns nicht davon berichtet hätten. Eine dreiviertel Million Schiffe war offensichtlich nicht genug um die Roboter zu bezwingen. Die dortige Roboterzivilisation scheint eine schlafende Superzivilisation zu sein, möglicherweise mit einer mobilisierbaren Kapazität von 1,6 auf der Kardashev-Skala. Das ist für Angreifer schwer zu überbieten. Gegen so eine massive Zivilisation kann man sich nur mit einen höheren Techlevel durchsetzen, nicht durch mehr Ressourcen oder Energie. Man kann ja nicht einen ganzen Stern zum Angriff mitbringen.

Vielleicht kommt irgendwann ein Irun, der die Vorgeschichte kennt, zehnmal so viele Schiffe versammelt und diese mit dem höchsten für Mercatos verfügbaren Techlevel ausstattet. Vielleicht dauert die Vorbereitung dafür tausend Jahre und vielleicht passiert ein Irun-Ereignis dieser Größenordnung auch nur alle 10 Millionen Jahre. Aber irgendwann wird es vermutlich auch für die Roboter von Solberg 86 III eng.

Das Irun-Phänomen bringt nicht nur Stabilität für die Mercato-Kultur, sondern es ist auch ein Reinigungsmechanismus für unsere Galaxie.

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