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2199

Beim Anschlag auf das Dubai-Kosmodrom kommen 43.000 Menschen ums Leben.

Terroristen sprengen den 32 km hohen Beschleunigungsturm des Dubai-Kosmodroms, die Dubai-Fontäne. Trümmer gehen auf die Infrastruktur des Raumhafens, nahe gelegene Geschäftsviertel und Einkaufszentren nieder.

Dubai ist eines der vier primären Massenstartzentren der Erde. Von Dubai werden jedes Jahr tausende Personen und Millionen Tonnen Material in den Orbit geschickt.

Das Herz des Dubai-Kosmodroms ist der 32 km hohe Beschleunigungsturm mit dem elektromagnetischen Katapult und einem Ring von Hochleistungslasern, dem Laser-Launcher. Der Turm enthält einen elektromagnetischen Beschleuniger, der die Startfahrzeuge (Launch-Pods) mit ihrer Nutzlast auf bis zu fünf km/s beschleunigt (Personen nur bis 1,2 km/s). Das Innere des Turms ist fast luftleer. Bei jedem Start wird die Luftsäule zusätzlich durch eine elektrische Entladungswelle beiseite gedrückt. Innerhalb von 13 Sekunden erreicht die Fracht das obere Ende des Startturms (Personen: 50 s). Dort übernehmen Laser die weitere Beschleunigung. Die Laser-Emitter bilden einen Kranz um die Spitze des Turms. Sie sind oberhalb von 99% der Atmosphäre. Die Leistung der Laser wird in dieser Höhe weder durch die Atmosphäre reduziert, noch durch Luftdruckschwankungen verzerrt oder durch Wolken behindert. Die Laser beschleunigen die Nutzlast bis auf orbitale Geschwindigkeit.

Die vertikale Struktur besteht aus einem Nitrokristall-Nanocomposite mit der 3-fachen Stärke von Kohlenstoff-Nanoröhren. Magnetoplasmadynamische Triebwerke entlang des Turms stabilisieren die Konstruktion. Die Launch-Pods kehren selbständig zum Kosmodrom zurück. Sie landen senkrecht auf einer kleineren Version des Laser-Launchers, dem sog. Laser-Descender. Sie werden überprüft, mit Reaktionsmasse gefüllt und wiederverwendet. Das ganze System wird gespeist durch große Kraftwerke und Kondensatoren am Boden.

Der Terroranschlag zerstört ein Segment des Turms in vier Kilometern Höhe knapp oberhalb des Sockels. Die Explosion durchtrennt den Kaminschacht, den Linearbeschleuniger und alle Versorgungsleitungen. Trümmer regnen auf den Sockel herab. Der Turm oberhalb der Bruchstelle trifft auf den Sockel und gleitet auf der nördlichen Seite ab. Die Plasmatriebwerke am Turm zünden und stabilisieren den Fall. Der Absturz ist nicht mehr aufzuhalten, aber die Triebwerke können die Richtung bestimmen. Sie bremsen die fallenden Säule und lenken sie in eine dafür vorgesehene Schneise. Die Stromversorgung der Plasmatriebwerke reicht ohne die Verbindung mit der Oberfläche aber nur für wenige Sekunden. Der Turm zerlegt sich in 100 m lange Segmente. Jedes Segment hat eigene Fallschirme, die den weiteren Fall bremsen und in die Notlandezone steuern. Das klappt perfekt bei 95% der Segmente.

Die Schirme von 13 Segmenten gehen nicht auf. Die Segmente stürzen unkontrolliert ab. Der initiale Schub der Plasmatriebwerke hat die Hauptmasse über den Sockel hinauskatapultiert in Richtung der Notlandezone. Deshalb fallen die meisten Segmente nicht auf den stabilen Sockel, sondern in einer steilen Parabel auf die umliegende Infrastruktur. Die tiefsten zwei der 13 steuerlosen Segmente befinden sich noch über dem Sockel und gehen da nieder. Sechs Segmente treffen Freigelände und Parkplätze. Zwei Segmente treffen die Frachtabfertigung, die weitgehend automatisiert abläuft. Es gibt keinen Personenschaden. Aber zwei der 100 Meter langen und bis zu 20.000 Tonnen schweren Segmente fallen auf Gebäude im Geschäftsviertel. Es ist Hauptgeschäftszeit. Alle Büros sind besetzt. Die Einkaufsbereiche sind voll. Ein Büroturm mit 120 Stockwerken wird von oben zentral getroffen und gibt nach.

Ein Segment kommt quer herunter, gleitet an einem Gebäude ab und überrollt dann mit einem horizontalen Impuls ein belebtes Einkaufszentrum in dem gerade, wie in vielen Einkaufszentren rund um den Globus, ein Großereignis zur Einführung einer neuen Getränkemarke stattfindet.

Beim dritten unkontrollierten Segment zünden Feststoffraketen, die als allerletzte Rettungsmöglichkeit den Aufschlag abmildern sollen. Das Segment schlägt knapp vor der Personenabfertigung des Kosmodroms ein.

Es gibt insgesamt 43.171 Opfer. Der Anschlag geht auf das Konto von radikalen Konservationisten (Antiexpansionisten).

Es war bekannt, dass der Beschleunigungsturm bei einem Bruch der Struktur sehr gefährlich für die Umgebung ist. Deshalb gibt es einen mehrstufigen Sicherheitsplan von der Notzündung der Stabilisierungswerke, über die Segmentierung, bis zu Fallschirmen und Feststoffraketen pro Segment. Die Segmente hätten alle in der Notlandezone oder auf dem stabilen Sockel niedergehen sollen. Eine Untersuchung entdeckt Wartungsmängel an der Notausrüstung und Defizite in der Steuerungssoftware.

2201

Duoyang verändert die Arbeitswelt.

Duoyang, ist eine Lebensweise bei der Menschen zwischen mehreren Tätigkeitsfeldern wechseln. Die Methode steigert nicht nur die Zufriedenheit (im Sinne von Sumak Kawsay: Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft, jedoch nicht auf Kosten anderer Mitglieder und nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen), sondern auch die Produktivität um 10% bis 20%.

Duoyang ist eine moderne Adaption der Work-Sharing Welle des späten 21. Jahrhunderts in Verbindung mit Elementen der Queuing-Theorie. Der Ursprung des modernen Duoyang liegt in Singapur und Indonesien um ca. 2170. Die fünf Regeln des Duoyang werden 2173 fixiert. Für einige Jahre ist Duoyang ein Standortvorteil für Early-Adopter Gemeinschaften und Staaten. Es verbreitet sich innerhalb einer Generation über Südostasien.

Der Durchbruch kommt 2195 durch die australische Reality-Slink-Soap (Slink = Sensory Link über Neuroimplantate) "Duoyang Jiating" (Duoyang Familie), die sehr erfolgreich in Nord- und Südamerika und Eurasien läuft. Auf dem Höhepunkt der Serie unterstützt die Produktionsfirma die Vermarktung durch einen Memplex, eine Gruppe sich gegenseitig stützender Meme. Der Memplex konzentriert sich vor allem auf Duoyang.

Die Vorteile für Menschen und Unternehmen sind tatsächlich unbestreitbar. Um 2200 ist Duoyang im Mainstream angekommen.

Bemerkenswerte Varianten sind 3-Regel-Duoyang, eine Art Back-to-the-roots Bewegung, und Highyang, bei dem nicht nur das Arbeitsumfeld, sondern alle Lebensbereiche gewechselt werden. Highyang ist vor allem in Japan verbreitet.

2202

Weltweit fallen 120 Millionen Menschen einem künstlichen Virus zum Opfer bevor die Seuche eingedämmt werden kann.

Mehr als eine Milliarde Menschen werden infiziert, 500 Millionen erkranken, davon ein Viertel mit tödlichem Ausgang. In Nordchina wo das Virus zuerst auftritt, sind die meisten Opfer zu beklagen. Das Virus ist die Mutation eines industriellen Stammes aus der Produktion von tierfreiem Protein, künstlichem Fleisch, auch Fauxflesh genannt.

Das Genom des Virus wurde vollständig künstlich erzeugt. Konstruktion von Genen mit maßgeschneiderten Funktionen ist weit verbreiteter Stand der Technik. Die Anwendung der Technologie ist in den meisten Ländern staatlich reguliert.

Moderne Gentechnologie wird vielfältig eingesetzt:

- In der Medizin arbeiten Proteine als biologische Nanomaschinen bei der Heilung und zur Lebensverlängerung.

- Wasser wird weltweit durch Industriebakterien gereinigt, die mit ihren natürlichen Ahnen nicht mehr viel gemein haben.

- Viren als Bakteriophagen haben geholfen die Antibiotika-Krise zu überwinden.

- In der Nahrungsmittelproduktion werden Erträge gesteigert. Mit der Einführung von Skotaphyll als Chlorophyll-Ersatz hat sich die Produktion auf gleicher Fläche verdreifacht.

- Die Fleischindustrie muss viermal so viel liefern, wie 200 Jahre zuvor. Nur der geringste Teil wird natürlich "am Tier" hergestellt. Das meiste Fleisch wächst in Fleischfarmen mithilfe von Industriebakterien und -Viren.

Gerade in der Lebensmittelproduktion sind Viren besonders verbreitet. Viren können zusätzliche Funktionen in die Zielsysteme, die wachsenden Nahrungsmittel, einbringen. Sie verändern den Stoffwechsel und beschleunigen das Wachstum. Viele Nahrungsmittel wachsen – unter den veränderten Bedingungen industrieller Produktion – überhaupt nur mithilfe der Viren.

Die Verbraucher wollen möglichst naturidentische Nahrungsmittel, auch wenn diese anders gewachsen sind. Das heißt, die Gene der Nahrungsmittel können nur gering verändert werden. Die moderne Nahrungsmittelproduktion braucht aber viele zusätzliche Funktionen in den Zellen von Nutzpflanzen und Fauxflesh. Die Gene für diese zusätzlichen Funktionen werden über künstliche Viren gezielt eingebracht. Andere Viren (Virasen) machen später die Genveränderung rückgängig, um ein naturidentisches Produkt zu erzeugen. Die Verbreitung der funktionalen Viren nutzt die Fähigkeit von Viren, sich durch den Replikationsmechanismus der Wirtszellen zu vermehren. Das kommt natürlich einer hochansteckenden Infektion gleich, wird aber in der Nahrungsmittelindustrie nicht so genannt.

Ohne industrielle Viren wäre die Nahrungsmittelindustrie viel weniger leistungsfähig. Sie könnte nur ein Drittel der Weltbevölkerung so reichhaltig ernähren und müsste trotzdem jeden Tag hundert Millionen Tiere töten.

Aber die industrielle Anwendung von Gentechnik hat auch Nachteile. Die wenigsten Nahrungsmittel sind wirklich naturidentisch. Das Basisgenom aller Pflanzen und Fauxflesch-Zellkulturen ist verändert. Und trotz Virasen und ständigen Kontrollen gelangen Rückstände der Industriegene in die Nahrungsmittelprodukte. Die großmaßstäbliche Infektion von Lebensmitteln in der Produktion durch funktionale Viren und Virasen muss genau überwacht werden. Die Funktionen der Viren sind in den meisten Fällen so speziell, dass selbst bei einer Übertragung kein Risiko für den Menschen besteht. Aber der Verbreitungsmechanismus ist nicht ohne Risiko.

Die schnelle Einbringung zusätzlicher Gene in alle Zellen des Zielsystems benutzt eine künstliche Infektion mit stark beschleunigter (manche sagen: aggressiver) Vermehrung. Stets stehen Antiviren bereit, die die Funktionsviren bekämpfen können und Virasen, die ihre Effekte umkehren. Und normalerweise ist der Infektionsweg so speziell auf das Zielsystem zugeschnitten, dass sich die Viren außerhalb der Produktion nicht verbreiten können. Aber in Ausnahmefällen kann eine Infektion auch ausbrechen und die Umwelt treffen.

Es gibt im 21. und 22. Jahrhundert viele Zwischenfälle mit industriellen Biokomponenten. Einige auch mit schlimmen Folgen für Biotope, Flora und Fauna. Der Nordchina-Ausbruch mit den dramatischen Folgen für die Menschen ist der schlimmste Einzelfall. Aber bezogen auf die Weltbevölkerung ist er kleiner als die spanische Grippe 300 Jahre zuvor.

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